BildungsCent Team hospitiert in Schulen - Praxiseinblicke
Eindrücke unserer Schulbesuche:
Selbstbewusste Kinder und Jugendliche
Bereits am Schultor wurden wir wie alle ankommenden Schülerinnen und Schüler auf nette Art von einer Lehrerin der brandenburgischen Förderschule begrüßt. Die Stimmung unter den Kindern und Jugendlichen ist aufgekratzt; neugierige Blicke begleiten unser Ankommen. Wir wandern weiter ins Büro der Schulleiterin und bekommen eine detaillierte Einführung in den Ablauf des Tages.
Ausgestattet mit einem Stapel an Papieren zum Schulprogramm unter dem Arm sitzen wir keine fünf Minuten später im Klassenzimmer einer 8. Klasse zum Thema Berufsorientierung. Den Jugendlichen ist anzumerken, dass sie es gewohnt sind, Besuch zu empfangen. Nach wenigen Augenblicken spielt unsere Anwesenheit keine Rolle mehr. Das Thema der Stunde ist die Auseinandersetzung mit realistischen Berufsbildern. Welche Tätigkeiten interessieren sie und welche Voraussetzungen sind dafür erforderlich. Kurze Präsentationen zu den verschiedenen Berufen werden von den Schülerinnen und Schülern gehalten. Eine Selbsteinschätzung zum Lernziel folgt. Mit beeindruckender Sicherheit wird nach jeder Präsentation ein Feedback von den Jugendlichen an die Vortragenden gegeben. Wir staunen über die Beurteilungssicherheit und die Fairness untereinander. Es wird viel mit Reflektion des eigenen Lernprozesses gearbeitet. Die Lehrerin ergänzt in wenigen Punkten, zeigt die Lernfortschritte auf und motiviert individuell zur Kontaktaufnahme bei den verschiedenen Praktikumsorten.
Die große Selbständigkeit der Schülerinnen und Schüler in der Bearbeitung individueller Aufgabenstellungen, die vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre untereinander, die wertschätzende Umgangsweise im Unterricht verbunden mit einer entwickelten Feedbackkultur sind nur einige der Eindrücke, die sich auch bei den nachfolgenden Fachstunden in den Klassen 6 und 7 einstellen.
In den Pausen sitzen wir mit den Kolleginnen und Kollegen im Lehrerzimmer. Neben kurzen Abstimmungen zu unterrichtsbezogenen Inhalten bleibt Zeit über die besonderen Herausforderungen der Schülerschaft zu sprechen. Die Schule hat sich konzeptionell ein eigenes Profil gegeben, um trotz der Hindernisse in der Vermittlung von Förderschülerinnen und Schülern mit viel persönlichem Engagement erfolgsversprechende Wege des Lernens zu entwickeln.
Die starke Orientierung an der Lebenswelt und ein gut gepflegtes Netzwerk mit außerschulischen Kontakten scheint Früchte zu tragen, denn die Quote der Schulabgängerinnen und Abgänger, die eine Beschäftigung nach der Schule findet, steigt. Die allgemeine Diskussion zum Thema Inklusion wird mit Interesse verfolgt, denn es gibt einen großen Erfahrungsschatz in der Schule zu diesem Thema, den man gerne einbringen würde.
Am Ende des Tages verlassen wir die Schule angefüllt mit positiven Eindrücken und der Frage, wie Schule in Deutschland aussehen müsste, wenn diese Schülerinnen und Schüler ihren selbstverständlichen Platz in einer inklusiven Schule hätten?
Engagement und Wertschätzung
Morgens in der Früh treffen wir auf die gutgelaunte Schulleiterin und ihren Stellvertreter der Berufs(-fach)-Schule mitten in Berlin Neukölln. Die Schule befindet sich in einem Brennpunkt-Bezirk. 90% der Schülerschaft kommt aus einer Familie mit Migrationshintergrund. Viele haben den Großteil ihrer schulischen Laufbahn hinter sich, jedoch noch keinen Abschluss. Unterschiedliche Kulturen und meist schwierige Familienverhältnisse treffen hier aufeinander; eine Herausforderung für die Schule und das Kollegium. Nach einer Tasse Kaffee und einer kleinen Einführung in die schulischen Eckdaten werden wir zur Hospitation in eine Klasse, die sich in dieser Stunde mit Textilien beschäftigt, zugeteilt. „Alles an diesem Tag ist ein wenig anders, die Ferien stehen vor der Tür“, gibt uns die zuständige Lehrerin für diesen Kurs mit auf dem Weg. Als wir in die Klasse kommen, sind alle Schülerinnen und Schüler im Raum verteilt, die einen vervollständigen die Weltkarte an der Wand mit bunten Farben, die anderen sitzen beieinander und unterhalten sich in ihrer Muttersprache. Für heute sind Theaterpädagoginnen angekündigt, die in die Klasse kommen. Alle warten gespannt auf die Übungen, die, wie sich herausstellt ein wenig dem Improvisationstheater gleichen. Die zuschauende Lehrerin erklärt uns, dass die Jugendlichen durch die Übungen auf eine spielerische Art lernen, sich auf Bewerbungssituationen vorzubereiten und ihre sprachlichen Kompetenzen verbessern.
Anschließend nehmen wir an der feierlichen Verleihung der Auszeichnung „Schule gegen Rassismus, Schule mit Courage“ teil. Beeindruckend ist, wie engagiert die Schülerinnen und Schüler sich in die Projekte, für die sie ausgezeichnet wurden, eingebracht haben. Es gibt Filme, Fotografien und andere künstlerische Produkte, in denen sich die Jugendlichen im Rahmen der Projektwoche mit Zivilcourage und Rassismus auseinandergesetzt haben. Auch wurde eine Evaluation von den Schülerinnen und Schülern in Zusammenarbeit mit externen Partnern in Bezug auf den Umgang mit Migration, Gewalt, Mobbing und Homosexualität an der Schule durchgeführt. Die Ergebnisse stimmen alle zuversichtlich, da die Befragung einen toleranten Umgang mit verschiedenen Gesellschaftsgruppen (unabhängig von Geschlecht, Religion oder Herkunft) widerspiegelt. Die Evaluation zeigt an der einen oder anderen Stelle Chancen zur Optimierung auf, die von den Schülerinnen und Schülern gern aufgenommen werden.
Insgesamt sind wir von dem Engagement und der Wertschätzung der Lehrerinnen und Lehrer sowie der Jugendlichen sehr angetan. Obwohl die Jugendlichen nur ein Schuljahr an der Schule verweilen, um eine Qualifizierungsmaßnahme zu absolvieren, bringen sich alle sehr engagiert ein. Das sieht man an den beeindruckenden Ergebnissen, die die Schülerinnen und Schüler in Ateliers und Werkstätten produzieren. Nutz- und Kunstobjekte sind in der Schule präsent. Es gibt viel Material, um die Kreativität und Schaffensfreude der Schülerinnen und Schüler anzuregen und nach außen zu tragen. Das Kollegium setzt sich sehr stark für die Jugendlichen ein. Doch trotz aller Bemühungen und Angebote drohen noch zu viele Schülerinnen und Schüler, zum Teil aufgrund von familiären oder anderen Umständen, das Jahr nicht abschließen zu können. Nichts desto trotz haben wir das Gefühl, dass die Jugendlichen hier viel Selbstwertgefühl für ihren zukünftigen Weg auftanken können. Dies liegt nicht zuletzt am unbeschreiblichen Engagement des Kollegiums.
Ein Tag im Leben eines Schulleiters
Bei Ankunft in einer Grundschule in Berlin-Wedding wurde ich herzlich begrüßt und eingeladen den Schulleiter einen Tag lang zu begleiten.
Ich war im Unterricht dabei, beim Vertretergespräch zwecks einer Lern-Software für den Englisch-Unterricht für Whiteboards, beim Eingangsgespräch interessierter Eltern für das Jahrgangsübergreifende Lernen im neuen Schuljahr, beim gemeinsamen Mittagessen mit den Schülerinnen und Schülern, in der Theater-AG, im Büro – mit Bergen von Zeugnissen und anderen Papieren sowie beim Besuch des Sommerfestes einer benachbarten Schule, um nur einige Ereignisse meines „Schultages“ zu nennen.
Sehr wertschätzend und offen empfand ich die Atmosphäre, die ich den ganzen Tag über in der Schule erlebt habe.
Zu Beginn der ersten Schulstunde wird jede Schülerin und jeder Schüler mit Handschlag und persönlicher Ansprache vom Schulleiter begrüßt. „Ein Ritual“, erklärt mir dieser. Es koste nicht mehr Zeit als in anderen Klassen, in denen mehrmals versucht wird, bei Ankunft der Kinder für Ruhe zu sorgen. Die Schülerinnen und Schüler kennen das Ritual und danach können der Tag und der Unterricht beginnen.
So startete der Musikunterricht in dem die Schülerinnen und Schüler an diesem frühen Morgen ganz aufgeregt auf ihren Stühlen herumrutschten und noch einmal fleißig für ein Vorspiel übten. Jeder hatte die Chance beim Vorspiel eines eingeübten und teils selbst komponierten Xylophon-Stücks ein Zusatzzertifikat zu erlangen, das dem Zeugnis beigelegt wird. Und diese Chance nutzten die Schülerinnen und Schüler in einer Gruppendarbietung als Team oder einzeln. Zusatzzertifikate dieser Art bedeuten den Schülerinnen und Schülern sehr viel. Auf diese bereiten sie sich vor und sind sehr stolz, wenn sie eines erhalten. Diese Zertifikate stellen für die Schülerinnen und Schüler eine andere Anerkennung als Noten dar und sind für sie wichtiger.
Die Schule stellt seinen Schülerinnen und Schülern viele Projekte zur Verfügung und arbeitet sehr vernetzt – ob unterrichtsübergreifend oder auch mit außenstehenden Partnern. Dass dieses Konzept bei allen Beteiligten gut ankommt, davon konnte ich mich an der Schule überzeugen. Stolz präsentierten mir die Schülerinnen und Schüler ihre Kunstwerke und Comics, die sie vernetzt mit dem Englisch-Unterricht erarbeitet und hergestellt haben.
Neben Lesen und Schreiben, Englisch und Mathe und noch vielen anderen Fähigkeiten, soll soziale Kompetenz die grundlegende Kompetenz sein, die die Schülerinnen und Schüler aus ihrer Grundschulzeit mitnehmen. Um diese dementsprechend auszubilden und um die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler weiterzuentwickeln, bietet die Schule vielfältige Möglichkeiten, Projekte sowie Arbeitsgruppen. Weiter stellt sie die beste Voraussetzung für eine solche Entwicklung und Bildung selbst dar: Die Beteiligten der Schule, wie Schulleiter und Lehrerinnen und Lehrer, dienen als Vorbild.
Ich bedanke mich herzlich für die „offene Schultür“ und die vielen Eindrücke, die ich nach einem langen Tag mitnehmen konnte und gerne hier im Team des BildungsCent diskutiert habe.
