Gegen Gewalt: Besuch eines Grundschul-Projekts in Brandenburg
Artikel aus "Kinder der Welt" (4/2009)
Die Regenbogenschule in Brandenburg:
Bunt und verschieden, aber trotzdem ein Team.
Gewalt an Schulen – oft beginnt sie harmlos: Graffiti-Schmiererei, Schulhof-Schlägerei, Ausgrenzung von Kindern, die anders sind. In einem Modellprojekt lernen Grundschulkinder, was sie dagegen tun können. Das Schulgebäude ist betongrau. Regen nieselt. Rechts neben der Mülltonne tuschelt und kichert eine Gruppe Mädchen. Die Erstklässler spielen Ball. Große Pause an der Regenbogenschule in Fahrland. Knapp 250 Schüler aus der Umgebung drücken hier die Schulbank.
„Wir sind keine Problemschule“, betont die resolute Schulleiterin Christel Arnhold. „Natürlich gibt es bei uns wie in jeder Klasse und in jeder Schule immer Problemschüler, mit denen man klarkommen muss.“ Bisher sind die Lehrer in der kleinen Grundschule in der Nähe von Potsdam tatsächlich immer gut klargekommen mit ihren Schülern. Aber als im vergangenen Jahr plötzlich Graffiti-Schmierereien in den Fluren auftauchten, Konflikte zwischen Schülern und Lehrern sich verschärften und nach Prügeleien sogar die Polizei eingreifen musste, beschlossen Eltern und Lehrer zu handeln. Die Schule bewarb sich für das sogenannte SchulCoach-Programm Mitwirkung in Sicht, das Save the Children gemeinsam mit dem Verein BildungsCent in Grundschulen anbietet. Ein SchulCoach kommt einmal pro Woche für einen Tag in die Schule und versucht mit einer Projektgruppe aus Schulleitung, Lehrern und Eltern, einen Aktionsplan zu erarbeiten. Zentrale Fragen dabei sind: Was läuft in unserer Schule gut und was falsch? Was wollen wir ändern? Wie können wir das gemeinsam als Team erreichen?
„Die Eltern waren einstimmig dafür, die Lehrer waren zunächst skeptisch. Ein solches Projekt bedeutet für sie natürlich auch mehr Arbeit“, sagt Elternsprecherin Birgit Eifler. „Aber uns allen war klar: Es musste etwas passieren.“ Als SchulCoach Andrea Plamper zum ersten Mal nach Fahrland kommt, ist sie überrascht. In der idyllisch zwischen Feldern und Dorfstraße gelegenen Regenbogenschule scheint die Welt in Ordnung zu sein. Die auffälligen Schüler haben die Schule inzwischen verlassen. Prügeleien und gewalttätiges Verhaltengibt es kaum noch. Was es weiterhin gibt: Respektlosigkeit zwischen Schülerinnen und Schülern, aber auch gegenüber den Lehrern. Ausgrenzung einzelner Kinder. Gegeneinander statt Miteinander. Die wichtigste Aufgabe für den SchulCoach ist es, Schülern und Lehrern zu zeigen, wie sie sich als Team verhalten, mit Außenseitern umgehen und Konfliktlösungen trainieren können.
Das Projekt ist zunächst auf vier Monate angelegt. Beteiligt sind die fünften und sechsten Klassen, also Schülerinnen und Schüler zwischen zehn und zwölf Jahren. Mehrmals wöchentlich steht jetzt Projektunterricht auf dem Stundenplan. „Die Kinder erfahren dabei viel von ihren Mitschülern, sie lernen etwas über ihre eigene Rolle in der Gruppe. Das Bild des einzelnen von sich selbst, aber auch von den anderen kann sich dadurch stark verändern“, sagt Andrea Plamper.
Die Klasse 6 b drängelt sich im Klassenraum. 13 Jungen und acht Mädchen hocken im Halbkreis auf niedrigen Holzstühlen. Die Schulglocke schrillt. „Lasst uns ein Spiel machen“, schlägt Andrea Plamper vor. Bei den Spielen geht es immer darum, als Team zu handeln. Gewinnen können am Ende nur diejenigen, die tatsächlich zusammenarbeiten. Beispiel: das Zollstock-Spiel. Ziel ist es, jeweils zu zehnt einen ausgeklappten Zollstock auf den Boden zu legen. Jeder darf dabei nur die Fingerspitzen benutzen. Natürlich ist das schwierig. In der einen Gruppe kommt es sofort zu lautstarken Beschuldigungen. Einer der Jungen ist angeblich schuld daran, dass das Team verloren hat. Er steht in einer Ecke des Klassenraums und hat Tränen in den Augen. Andrea Plamper greift ein, beschwichtigt, diskutiert mit den Schülern.
Wir haben zum ersten Mal bewusst gemerkt, dass es in unserer Klasse Außenseiter gibt, mit denen niemand etwas zu tun haben will“, sagt die zwölfjährige Theresa selbstkritisch. Jacob, ein selbstbewusster Junge mit streichholzkurzen Haaren, meint: „Es gibt in unserer Klasse feste Cliquen und da heißt es schon mal: ‚Nein, bei uns kommst Du nicht rein‘. Wir haben immer wieder dieselben Leute ausgegrenzt, die dann todtraurig waren, weil keiner mit ihnen spielen wollte.“ Andrea Plamper nickt. Das Ziel des Spiels ist erreicht. Ob solche Erkenntnisse dazu führen, dass die Kinder in Zukunft anders miteinander umgehen? „Ich weiß es nicht“, gibt Andrea Plamper zu. „Die Schüler trauen sich nicht, vor der ganzen Gruppe eine direkte Rückmeldung zu geben, abgesehen von ‚ich fand’s cool‘, ‚ja, toll, hat Spaß gemacht‘ oder ‚nö, war nicht so gut‘. Das macht es schwer zu sehen und nachvollziehen, was sie tatsächlich davon mitgenommen haben.“ Aber es ist ein erster Schritt für die 6 b.
Es ist aber nicht nur wichtig, den Schülern zu zeigen, was sie im Umgang
miteinander anders machen können, sondern auch den Lehrern. Viele im Kollegium sind alte Hasen, die schon seit zehn, zwanzig, dreißig Jahren arbeiten. Sie meinen, sie haben alles schon gesehen, und halten ihre Vorstellung von Disziplin für die einzig richtige. Diese Lehrer zum Umdenken zu bewegen ist nicht einfach. Lissy Szekér, die Klassenlehrerin, ist seit 25 Jahren im Schuldienst. Trotzdem gibt sie zu: „Man kann immer noch etwas lernen. Ich fand es toll, dass mal von außen die Anregung kam. Das öffnet mir schon die Augen für vieles, an dem ich noch arbeiten kann.“ Sie selbst hat sich viele der Spiele notiert und ist entschlossen, sie auch mal im Deutsch- oder Mathe- Unterricht einzusetzen. Hat sich das Klima in ihrer Klasse verbessert? „Ich hab keine Wunder erwartet von dem Projekt, aber da bleibt schon was hängen, ganz klar. Das ist hier ist kein Kikifax, sondern da kommt wirklich was raus.“
Tatsächlich sind in den vergangenen sechs Monaten keine Wunder passiert in Fahrland. „Es tut sich etwas in den Köpfen, aber messbare Veränderungen gibt es sicher noch nicht. Projekte wie dieses brauchen Nachhaltigkeit, um etwas bewirken zu können“, sagt Andrea Plamper. „Sonst ist die Gefahr groß, dass
alles einfach wieder verpufft. Langfristig kann ein solches Projekt nur funktionieren, wenn auch nach Unterrichtsschluss noch etwas passiert, wenn Eltern, Jugendinitiativen und Vereine aktiv werden.“ Das sieht der Leiter des Jugendtreffs genauso. Die Mädchen und Jungen, die vormittags in der Schule sitzen, kommen nachmittags zu ihm in den Jugendclub. "Die Kinder haben spielerisch etwas über Zusammenarbeit, verbale und nonverbale Kommunikation gelernt. Dadurch haben sie neue Möglichkeiten der Konfliktlösung erprobt, statt nach dem Motto ‚ich nehm die Faust, ich bin der Stärkere‘ zu handeln.“
Was die Kinder in der Schule lernen, können sie im Jugendclub weiterentwickeln. Andrea Plamper ist überzeugt: „Wenn alle am gleichen Strang ziehen, kann daraus in Zukunft tatsächlich etwas werden.“